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LASTENHEFT

Lastenheft im Maschinen- und Anlagenbau, mit Beispiel.

Ein Lastenheft ist schnell gefüllt und schwer gut gemacht. Diese Seite zeigt, was im Maschinen- und Anlagenbau hineingehört, an einem vollständig ausgefüllten Beispiel. Und sie zeigt, was mit dem Dokument passiert, wenn der Auftrag da ist und die Projektleitung es übernimmt.

Lastenheft.das · Substantiv · Anforderungsbeschreibung des Auftraggebers

Ein Lastenheft beschreibt, was der Auftraggeber von einer Maschine oder Anlage verlangt: Leistung, Produkt, Schnittstellen, Aufstellung, Sicherheit, Dokumentation, Abnahme und Termine. Es sagt, was gefordert ist, nicht wie es umgesetzt wird. Das Wie beschreibt der Lieferant im Pflichtenheft. Im Sondermaschinenbau entsteht das Lastenheft oft gemeinsam zwischen Kunde und Vertrieb und wird bis zum Auftrag mehrfach überarbeitet.

Begriff

Was ein Lastenheft im Maschinenbau ist.

Die Anforderungsbeschreibung des Auftraggebers. Wer sie schreibt, hängt davon ab, was gebaut wird.

Lastenheft NA-LH-2026-014, fiktives Beispiel
  1. 08.07.2026
    Rev. 1.1

    Abnahmeumfang vereinbart

  2. 02.09.2026
    Rev. 1.2

    Neugliederung

  3. 21.10.2026
    Rev. 2.0

    Freigegeben für Bestellung

  4. 15.01.2027
    Bestellung

    Übergabe an die Projektleitung

Steht nicht in Rev. 2.0
  • 19.09.2026 · Mail Vertrieb
    Taktzeit 10,5 s zugesagt
  • 24.09.2026 · Besprechungsnotiz
    Variante V4 zugesagt
  • 08.07.2026 · Lastenheft Rev. 1.1
    Abnahmeumfang, in Rev. 1.2 entfallen
Serienmaschinenbau

Der Kunde schreibt das Lastenheft meist allein und schickt es an mehrere Lieferanten. Es hält fest, was die Maschine leisten muss und unter welchen Bedingungen sie betrieben wird. Die Lieferanten antworten mit einem Angebot, das Dokument selbst ändert sich dabei selten.

Sonder- und Anlagenbau

Das Lastenheft ist ein gemeinsames Dokument. Der Kunde bringt eine erste Fassung mit, der Vertrieb fragt nach, rechnet und schlägt Alternativen vor. Mit der Bestellung wird die letzte Revision Vertragsgrundlage, nicht das, was unterwegs in Mails und Notizen vereinbart wurde.

Gliederung

Was in ein Lastenheft gehört.

Vierzehn Kapitel für eine Maschine oder Anlage. Entscheidend ist, dass jeder Wert bei der Abnahme geprüft werden kann.

  1. 1Änderungsverzeichnis
  2. 2Ausgangssituation und Ziel
  3. 3Projektumfang und Abgrenzung
  4. 4Werkstücke und Varianten
  5. 5Prozessablauf
  6. 6Leistungsanforderungen
  7. 7Qualitätsanforderungen
  8. 8Technische Anforderungen
  9. 9Steuerung, Bedienung, Daten
  10. 10Sicherheit und Normen
  11. 11Dokumentation
  12. 12Abnahme
  13. 13Termine
  14. 14Service, Schulung, Gewährleistung

Die Gliederung unterscheidet sich von Branche zu Branche, die Kernpunkte nicht. Für eine Maschine oder Anlage sind es vierzehn: Änderungsverzeichnis, Ausgangssituation und Ziel, Projektumfang und Abgrenzung, Werkstücke und Varianten, Prozessablauf, Leistungsanforderungen, Qualitätsanforderungen, technische Anforderungen, Steuerung und Daten, Sicherheit und Normen, Dokumentation, Abnahme, Termine sowie Service und Gewährleistung.

Entscheidend ist weniger die Vollständigkeit der Überschriften als die Prüfbarkeit der Werte. „Hohe Verfügbarkeit“ lässt sich bei der Abnahme nicht nachweisen, „technische Verfügbarkeit ≥ 95 % nach VDI 3423 über zehn Produktionstage“ schon. Jede Anforderung bekommt deshalb eine Kennung, einen Wert und den Nachweis, mit dem sie bei der Abnahme geprüft wird. „Muss“ ist Abnahmekriterium, „Soll“ ist Zielwert.

Beispiel

Ein ausgefülltes Lastenheft.

Das folgende Lastenheft beschreibt eine Montage- und Prüfzelle für Thermostatventil-Unterteile. Firmen, Personen und Werte sind erfunden, die Zahlen gehen trotzdem auf: Taktzeit, Stückzahl und Schichtmodell passen zueinander. Die Notizen am Rand zeigen, was in der Angebotsphase zugesagt wurde und im Dokument fehlt.

Lastenheft

Montage- und Prüfzelle für Thermostatventil-Unterteile

Projekt MPZ-TV2, Nordtal Armaturen GmbH, Werk Wels

Fiktives Beispiel: Alle Firmen, Personen und Werte sind erfunden.

Dokument-Nr.
NA-LH-2026-014
Revision / Datum
2.0 / 21.10.2026
Status
Freigegeben für Bestellung
Auftraggeber (AG)
Nordtal Armaturen GmbH, Werk Wels
Auftragnehmer (AN)
Hollmann Automation GmbH, Linz
Bezug
Angebot AN-24-0871 Rev. C vom 30.09.2026
Ansprechpartner AN
Thomas Berger, Vertrieb
Name / AbteilungDatumUnterschrift
ErstelltDI Sabine Moser, Produktionsplanung21.10.2026gez. Moser
GeprüftIng. Petra Lindner, Qualitätssicherung21.10.2026gez. Lindner
FreigegebenMartin Gruber, Einkauf21.10.2026gez. Gruber

Dieses Lastenheft wird Vertragsbestandteil der Bestellung. Nebenabreden gelten nur, wenn sie schriftlich vereinbart und in dieses Dokument eingearbeitet sind.

Anhänge: A Werkstückzeichnungen, B Aufstelllayout, C Komponentenliste AG, D Grenzmusterkatalog

Was nicht im Lastenheft steht

Drei Zusagen aus der Angebotsphase stehen nicht in Rev. 2.0, sondern in einer Mail, einer Besprechungsnotiz und einer älteren Revision. Die Projektleitung übernimmt mit der Bestellung nur Rev. 2.0.

1Änderungsverzeichnis

Rev.DatumÄnderungErsteller
2.021.10.2026Freigabe für Bestellung; Abschnitt 9 MES-Schnittstelle ergänzt; redaktionelle ÄnderungenMoser
1.2302.09.2026Neugliederung; Taktzeit und Rückverfolgbarkeit präzisiertMoser
1.108.07.2026Variantenliste, Layout und Abnahme nach Klärungstermin mit AN ergänztMoser, Lindner
1.012.06.2026ErstausgabeMoser

2Ausgangssituation und Ziel

Die Ventilunterteile werden derzeit an drei Handarbeitsplätzen montiert und an einem getrennten Prüfstand auf Dichtheit geprüft. Ausbringung und Rückverfolgbarkeit reichen für die geplanten Stückzahlen nicht mehr aus.

Ziel ist eine verkettete, halbautomatische Zelle, die Montage, Dichtheitsprüfung und Kennzeichnung in einem Takt erledigt und jedes Teil mit seinen Prüfwerten an das Fertigungsleitsystem (MES) meldet.

3Projektumfang und Abgrenzung

3.1 Lieferumfang AN

Konstruktion, Fertigung, Montage, Steuerung und Software, Inbetriebnahme, CE-Kennzeichnung, Dokumentation, Schulung, Vor- und Endabnahme.

3.2 Beistellungen AG

Werkstücke und Grenzmuster für die Abnahmen, Strom und Druckluft bis Übergabepunkt, Netzwerkanschluss, Hallenboden, MES-Gegenstelle.

3.3 Nicht im Lieferumfang

Verpackung nach der Zelle, Transportbehälter, bauliche Maßnahmen.

4Werkstücke und Varianten

VarianteArt.-Nr.BauformAnschlussAnteil 2027
V14410-10DDurchgangDN10 (3/8")20 %
V24410-15DDurchgangDN15 (1/2")55 %
V324410-15EEckDN15 (1/2")25 %

Bauteile je Ventil: Ventilkörper (Messing CW617N), O-Ring EPDM 17 × 2, Ventileinsatz (vormontiert, Beistellung AG). Zeichnungen und Toleranzen siehe Anhang A.

5Prozessablauf

Rundschalttisch mit 8 Stationen, ein Werker am Einlegeplatz.

StationArbeitsgangBemerkung
S1Ventilkörper einlegenmanuell, abgesichert durch Lichtgitter
S2Variante und Lage prüfenKamera
S3O-Ring vereinzeln, fetten, montieren
S4Ventileinsatz zuführen und einschraubenDrehmoment und Drehwinkel überwacht
S5DichtheitsprüfungDruckabfallverfahren, Luft
S6DataMatrix lasern und verifizieren
S7Entnahme IO, Ausschleusung NIONIO in versperrte Box
S8Aufnahme auf Leerstand prüfen

6Leistungsanforderungen

Jede Anforderung hat eine Kennung, einen Wert und einen Nachweis. „Muss“ ist Abnahmekriterium. „Soll“ ist Zielwert; Abweichungen begründet der AN schriftlich.

IDAnforderungWertNachweisPrio
L-011Technische Taktzeit (Maschinentakt, Mittelwert über 100 Teile, ohne Wartezeit durch Werker)≤ 12,0 sZeitmessung FAT und SATMuss
L-021Jahresbedarf, Auslegungsgrundlage780.000 Stk. (2027)2 Schichten × 7,5 h × 220 Tage, OEE 85 %Info
L-03Technische Verfügbarkeit (Stillstände durch die Anlage)≥ 95 %Leistungslauf SATMuss
L-04Rüstzeit Variantenwechsel, werkzeuglos, codierte Aufnahmeeinsätze≤ 15 minVorführung FATMuss
L-05Autonomie Zuführungen O-Ring und Ventileinsatz≥ 30 minMessung FATSoll
L-06Wiederanlauf nach Not-Halt bis Produktion≤ 2 minVorführung FATSoll

7Qualitätsanforderungen

IDAnforderungWertNachweisPrio
Q-012Anzugsdrehmoment Ventileinsatz V1 bis V3, Drehwinkelfenster überwacht25 Nm ± 2 NmSchraubdaten je TeilMuss
Q-02Dichtheit, Druckabfallverfahren mit Luft, Prüfdruck 6 bar (Überdruck)≤ 0,5 cm³/minMeisterteile IO und NIOMuss
Q-03Pseudoausschuss (IO-Teile als NIO bewertet)≤ 0,5 %Auswertung LeistungslaufMuss
Q-04Schlupf (NIO-Teile als IO bewertet)0 von 2020 NIO-MeisterteileMuss
Q-05Kennzeichnung DataMatrix, Codequalität nach ISO/IEC TR 29158mind. Grade BVerifikation in S6Muss
Q-06Datensatz je Teil: Seriennummer, Zeitstempel, Variante, Drehmoment und Drehwinkel, Leckrate, Ergebnis100 % der TeileStichprobe 50 Datensätze im MESMuss

Chronologie

  1. 08.07.2026Lastenheft Rev. 1.1Vollständiger Abnahmeumfang vereinbart3
  2. 02.09.2026Lastenheft Rev. 1.2Neugliederung, Abnahmeumfang entfällt ohne Vermerk3
  3. 19.09.2026Mail VertriebTaktzeit 10,5 s bestätigt1
  4. 24.09.2026Besprechungsnotiz VertriebVariante V4 zugesagt2
  5. 30.09.2026Angebot AN-24-0871 Rev. CMehrpreis zweite Prüfstation enthalten1
  6. 05.10.2026Mail Vertrieb„Abnahme wie besprochen“3
  7. 21.10.2026Lastenheft Rev. 2.0Freigabe für Bestellung, ohne die Zusagen 1 bis 3
  8. 15.01.2027BestellungÜbergabe an die Projektleitung
Nach dem Auftrag

Was nach dem Auftrag aus dem Lastenheft wird.

Bis zum Auftrag gehört das Lastenheft dem Vertrieb. Danach bekommt die Projektleitung vor allem eines: die letzte Version.

Was es zum Projekt gibt
Lastenheft Rev. 2.0
Lastenheft Rev. 1.1
Mails mit dem Kunden
Besprechungsnotizen
KoAssist
liest alle Unterlagen zum Projekt mit
„Was haben wir zur Taktzeit zugesagt?“
10,5 s, per Mail vom 19.09.2026. Im Lastenheft stehen 12,0 s.
MailLastenheft L-01

Der Vertrieb hat es mit dem Kunden abgestimmt, kennt jede Version und weiß, was am Telefon und im Termin dazu gesagt wurde. Dieses Wissen geht mit dem Auftrag nicht automatisch mit.

Vorversionen liegen irgendwo im Projektordner. Die Mails mit dem Kunden liegen im Postfach des Vertriebs, die Besprechungsnotizen in einem Notizbuch oder einer Datei, die niemand mehr öffnet. Gelesen wird das alles selten, weil keiner Zeit hat, drei Monate Abstimmung nachzuarbeiten. Genau dort stehen aber die Zusagen, die im Dokument fehlen.

Im Beispiel oben sind es drei: eine Taktzeit von 10,5 Sekunden, die per Mail zugesagt wurde, eine Variante V4 mit höherem Anzugsmoment aus einer Besprechungsnotiz und ein Abnahmeumfang mit Fähigkeitsnachweisen, der bei einer Neugliederung ohne Vermerk aus dem Lastenheft verschwand. Keine davon steht in der Revision, die bestellt wurde. Alle drei kosten Geld, wenn sie erst bei der Abnahme auffallen.

Das lässt sich auf zwei Wegen auffangen. Organisatorisch mit einem Übergabegespräch, in dem der Vertrieb jede Abweichung zwischen Dokument und Absprache benennt. Und technisch, indem Lastenheft, Versionen, Mails und Protokolle an einer Stelle durchsuchbar werden. KoAssist liest diese Unterlagen und beantwortet eine Frage wie „Was haben wir dem Kunden zur Taktzeit zugesagt?“ mit der Stelle, an der es steht: Dokument, Mail oder Notiz.

Abgrenzung

Lastenheft und Pflichtenheft.

Das Lastenheft sagt, was gefordert ist. Das Pflichtenheft sagt, wie der Lieferant es umsetzt.

LastenheftPflichtenheft
VerfasserAuftraggeber, oft mit dem Vertrieb des LieferantenLieferant
InhaltWas gefordert istWie es umgesetzt wird
ZeitpunktVor dem AuftragNach dem Auftrag, vom Auftraggeber freigegeben
Im BeispielTechnische Taktzeit ≤ 12,0 sRundschalttisch mit 8 Stationen, Taktzeitberechnung

Im Pflichtenheft stehen Anlagenkonzept, Stationen, Komponenten und Taktzeitberechnung. Im Maschinenbau schreibt der Lieferant das Pflichtenheft nach dem Auftrag, der Auftraggeber gibt es frei, und erst dann beginnt die Detailkonstruktion. Wo beide Dokumente auseinanderlaufen, gilt in der Regel, was vertraglich vereinbart ist. Deshalb lohnt sich der Abgleich Zeile für Zeile.

Vorlage

Die Vorlage zum Herunterladen.

Dieselbe Gliederung wie das Beispiel, leer zum Ausfüllen.

Lastenheft-Vorlage für Maschinen und Anlagen

  • Deckblatt mit Dokumentdaten und Freigabe
  • Änderungsverzeichnis mit betroffenem Abschnitt
  • 14 Kapitel, jede Anforderung mit Wert, Nachweis und Priorität
  • Anlage für Zusagen außerhalb des Lastenhefts

Word-Datei (.docx), 30 KB, fünf Seiten. Kostenlos.

Jede Anforderung hat Kennung, Wert, Nachweis und Priorität, dazu kommen Ausfüllhinweise je Kapitel. Am Ende steht eine Anlage für alles, was in Mails, Besprechungen oder älteren Revisionen zugesagt wurde. Sie geht mit der Bestellung an die Projektleitung.

Häufige Fragen zum Lastenheft

Die Antworten beziehen sich auf Maschinen und Anlagen im Sonder- und Anlagenbau.

Was ist der Unterschied zwischen Lastenheft und Pflichtenheft?

Das Lastenheft beschreibt, was der Auftraggeber fordert. Das Pflichtenheft beschreibt, wie der Lieferant diese Forderungen umsetzt. Im Maschinenbau entsteht das Pflichtenheft nach dem Auftrag und wird vom Auftraggeber freigegeben.

Wer schreibt das Lastenheft?

Formal der Auftraggeber. Im Sonder- und Anlagenbau entsteht es aber oft gemeinsam: Der Kunde liefert eine erste Fassung, der Vertrieb des Lieferanten stimmt sie bis zum Auftrag mit ihm ab.

Ist das Lastenheft Vertragsbestandteil?

Meist ja, in der Version, die im Auftrag genannt ist. Absprachen, die nur in Mails oder Besprechungsnotizen stehen, sind deshalb ein Risiko: Sie gelten je nach Vertrag mit oder gar nicht, und darüber wird oft erst bei der Abnahme gestritten.

Wie umfangreich ist ein Lastenheft für eine Sondermaschine?

Für eine Anlage der Größe im Beispiel sind 10 bis 30 Seiten üblich, mit Anhängen wie Zeichnungen, Werksnormen und Layouts deutlich mehr. Wichtiger als der Umfang ist, dass jede Anforderung nummeriert und bei der Abnahme prüfbar ist.

Was passiert mit Änderungen nach dem Auftrag?

Sie gehören in eine neue Version mit Änderungsverzeichnis, und wenn sie Preis oder Termin berühren, in einen Nachtrag. Änderungen, die nur mündlich oder per Mail vereinbart werden, gehen bei der Übergabe an die Projektleitung am leichtesten verloren.

Gibt es eine Norm für das Lastenheft?

Die Begriffe Lastenheft und Pflichtenheft sind in DIN 69901-5 definiert, die VDI 2519 beschreibt Vorgehen und Inhalte für die Automatisierungstechnik. Eine verbindliche Gliederung schreibt keine Norm vor.

Yanik Yeganehfar, Co-Founder von KoAssist

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